Geschichte der Jusos

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1904–1968

Bis zum Jahre 1904 gab es in der deutschen Arbeiterbewegung keine Organisation für jugendliche Mitglieder. Es herrschte die Meinung vor, dass es dafür keine Notwendigkeit gebe, da die Lebenssituation allein durch die Klassenzugehörigkeit bestimmt sei. Die änderte sich erst nach dem Tod des Berliner Lehrlings Paul Nährings, der die Qualen und Demütigungen seines Meisters nicht mehr ertragen konnte. Danach entstanden Lehrlingsvereine, auf die sich auch die Jusos als ihre Gründungswurzeln beziehen.

Die Jusos als eigene Organisation entstanden aus der „Jugend-Sektion“ des „Sozialdemokratischen Vereins München“, die am 3. Februar 1914 bei einer Versammlung im kleinen Saal des Münchner Gewerkschaftshauses gegründet wurde. Die Versammlung fand statt aufgrund eines Beschlusses des Chemnitzer Parteitages von 1912, die Arbeiterjugend durch geeignete Maßnahmen für die Partei zu gewinnen. Bei dieser Versammlung wurde das Einführungsreferat von Felix Fechenbach gehalten, dem späteren Sekretär Kurt Eisners, der somit als Gründer der Jusos gilt. Er war es auch, der erstmals das Wort „Jungsozialisten“ verwendete. Hauptaufgabe der neuen Organisation sollte die Bildung der jungen Arbeiterinnen und Arbeiter sein.

Zahlenmäßig blieben die Jusos, die darüber hinaus auf Grund interner Auseinandersetzungen zwischen einemaustromarxistisch geprägten, linken Mehrheitsflügel und der Minderheit des nach rechts tendierenden, nationalistischenHofgeismarer Kreises zerstritten waren, eher unbedeutend und hatten zwischen 3000 und 5000 Mitgliedern. 1931 löste die SPD im Zuge eines innerparteilichen Streits die Jusos auf, ein Teil der ehemaligen Mitglieder schloss sich im Herbst desselben Jahres der neu gegründeten SAPD, ein Teil auch den Roten Kämpfern an.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurden 1946 die Jungsozialisten wiedergegründet. Zunächst stellten ehemalige Frontsoldaten die Mehrheit der Mitglieder. Die Jusos waren in ihren ersten Jahren zunächst loyal der Mutterpartei gegenüber und folgten linientreu der inhaltlichen Ausrichtung der SPD. Die Juso-Vorsitzenden wurden zunächst (als „Zentralsekretäre der Jusos“) vom Parteivorstand eingesetzt. 1959 wurde mit Hans-Jürgen Wischnewski erstmals ein Juso-Vorsitzender von den Jusos selbst gewählt.

Linkswende im Jahr 1969

Im Jahr 1969 vollzog sich die „Linkswende“ der Jusos. Sie beschlossen auf ihrem Bundeskongress in München die Wende von einer als brav und angepasst geltenden Parteijugend hin zu einem linken politischen Verband. Die Jusos verstehen sich seitdem als „sozialistischer Richtungsverband“ innerhalb der SPD, der auf die inhaltliche Ausrichtung der Partei aktiv Einfluss nimmt.

Jedoch gibt es Landesverbände, Unterbezirke und Stadtverbände, die auf Grund ihrer politischen Haltung die Bezeichnung als Junge Sozialdemokraten bevorzugen, was kein offizieller und von der Partei anerkannter Name ist. Die meisten Juso-Gliederungen führen aber den Namen Jungsozialistinnen und -sozialisten.

1969 bis 1989

Seit den siebziger Jahren nutzen die Jusos die traditionelle „Faust mit Rose“ der Sozialistischen Internationale als ihr Logo.

1973 gelang es den links der SPD positionierten Jusos im Rahmen der 68er-Bewegung mit 300.000 Mitgliedern ihren bisherigen Höchststand zu erreichen und viele SPD-Gremien zu „übernehmen“. Die Jusos stellten zu diesem Zeitpunkt etwa 30 % der SPD.

Inhaltlich traten die Jungsozialisten ab 1969 ein für die Demokratisierung aller Lebensbereiche, insbesondere der Wirtschaft und des Staates. Dies sollte bedeuten: die Vergesellschaftung der strukturbestimmten Bereiche der Wirtschaft (sog. Schlüsselindustrien), gesamtgesellschaftliche Planung der Investitions-, Forschungs- und Entwicklungsprioritäten bei relativer Autonomie der einzelnen Unternehmen im Rahmen dieser zentralen Rahmensetzung (sog. „zentraler Rahmenplan bei dezentraler Feinsteuerung“). Auch nahmen die Jusos immer häufiger feministische Positionen ein.

Die Jungsozialisten verfolgen die sogenannte „Doppelstrategie“. Dies bedeutet einerseits mit dem „Standbein“ in der SPD zu agieren und dort Machtpositionen zu besetzen um inhaltliche Positionen durchzusetzen und andererseits mit dem „Spielbein“ in gesellschaftlichen Bewegungen präsent zu sein und mit diesen gemeinsam Druck auf die SPD hin zu den von den Jusos auch in der Partei vertretenen Inhalten zu entfalten.

Zerfallserscheinungen folgten mit der aufkommenden Strategiedebatte und den stärker werdenden Grabenkämpfen zwischen den drei Flügeln, die alle einen antikapitalistischen Anspruch hatten. Neben der reformsozialistisch-undogmatischen Strömung („Refos“) bildeten sich zwei dezidiert marxistische Richtungen. Die „Stamokaps“ übernahmen die in der DDR entwickelte Theorie des „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ und entwickelten auf dieser Basis eine „antimonopolistische Bündnispolitik“, die auch die Zusammenarbeit mit der DKP, nicht aber die sog. „K-Gruppen“ einschloss. Ihre regionalen Schwerpunkte waren Hamburg und Berlin. Ihre wichtigste programmatische Veröffentlichung waren die 1980 erschienenen Herforder Thesen. Daneben gab es die eher spontaneistisch oder rätesozialistisch orientierten „Antirevisionisten“.

Der Stamokap-Flügel wurde vom Hannoveraner Kreis bundesweit koordiniert. Besonderes stark war er in Hamburg, Berlin und Ostwestfalen-Lippe. Seit 1978 erscheint die „Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft“.

Die „antirevisionistische“ Strömung gründete 1975 den Göttinger Kreis. Ab 1976 begann sie mit Herausgabe der ZeitschriftSozialist. Obwohl den Stamokaplern und Refos zahlenmäßig unterlegen, gelang es dem Göttinger Kreis 1978 sein MitgliedGerhard Schröder zum Vorsitzenden der Jusos wählen zu lassen. Allerdings wurde Schröder bald darauf wegen Zusammenarbeit mit der Refo-Strömung (anstatt wie erwartet mit den Stamokaplern) aus dem Göttinger Kreis ausgeschlossen.

Die reformistische Mehrheit gründete 1977 den Malenter Kreis, der die Zeitschrift Sozialistische Praxis herausgab.

Die theoretische Diskussion auf hohem Niveau band die praktischen Kräfte. Der Ausschluss des damaligen Vorsitzenden und Angehörigen der Stamokap-Flügels Klaus Uwe Benneter aus der SPD markiert den Höhepunkt der Auseinandersetzungen.

1989 bis 2005 – Flügelkämpfe

Nach 1989 wurde dem Theoriestreit zwischen den Strömungen faktisch die Grundlage entzogen, weil durch den Zusammenbruch der Systeme des „real existierenden Sozialismus“ in Osteuropa wie auch der DDR marxistische Ideen an Bedeutung verloren bzw. diskreditiert waren. Trotzdem bestimmten immer noch Flügelkämpfe zwischen verschiedenen, inzwischen häufig neu gegründeten und umbenannten Strömungen, das Verbandsleben auf Bundesebene. 1997 gab sich der Verband ein modernisiertes Logo, das allerdings von einigen Bezirken zum Teil aus Traditionsbewusstsein, zum Teil als Ergebnis von Strömungsstreitigkeiten abgelehnt wird. Auf dem Bundeskongress 2004 in München lösten sich die bisherigen drei Strömungen zu Gunsten dreier neuer endgültig auf: Das Netzwerk Linkes Zentrum (NWLZ) und die TraditionalistInnen(Tradis) verstehen sich als „links“ und üben massive Kritik am Kurs der SPD; die dritte Strömung hieß zunächst Ypsilon und verstand sich als der pragmatische Teil der Jusos.

Der ehemalige Bundesvorsitzende Björn Böhning setzte den Kurs seiner Vorgänger Benjamin MikfeldNiels Annen undAndrea Nahles fort. Die unter Agenda 2010 firmierenden Reformen der SPD-geführten Bundesregierung werden als „neoliberal“ abgelehnt. Auf dem Juso-Bundeskongress in Leipzig (10.–12. Juni 2005) sprachen sich die Jusos für die Einführung einer Bürgerversicherung, gegen Studiengebühren, für eine flächendeckende Kinderbetreuung sowie für den Beitritt der Türkei zur EU aus. Sie sagten ausdrücklich Nein zur Aufhebung des Waffenembargos gegen die Volksrepublik China und widersprachen damit den außenpolitischen Wünschen des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Ebenso kritisierten die Jungsozialisten massiv die Entscheidung der Bundesregierung, die Neuwahl des Bundestages im Herbst 2005 anzusetzen. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Jusos während der Zeit der Regierung Schröder vor allem die innerparteiliche Opposition gesucht haben.

2005 bis 2009 – Jusos in der zweiten Großen Koalition

Durch den stark polarisierenden Bundestagswahlkampf 2005 konnten die Jusos zahlreiche Neumitglieder gewinnen. Inhaltlich blieben die Jusos jedoch ihrer Linie treu, was durch das Festhalten an alten Beschlüssen, wie der Bürgerversicherung oder der Ablehnung von Senkungen der Unternehmenssteuern, Mindestlohn von 7,50 Euro/Std auf dem Bundeskongress in Saarbrücken deutlich wurde. Auch forderte der damalige Juso-Bundesvorsitzende Björn Böhning unter anderem den Rücktritt des früheren Verteidigungsministers Franz Josef Jung, da er dessen sicherheitspolitische Ansichten für nicht weiter hinnehmbar hielt.

Im Oktober 2007 gründete sich die Strömung „Pragmatische Linke“ und gab den sich selbst als pragmatisch definierenden Jusos eine neue Plattform. Sie bekennen sich zu sozialer Marktwirtschaft und Realpolitik und lehnen die Forderung nach einem „Systemwechsel“ mit dem Verweis auf historisch gescheiterte staatliche Alternativmodelle ab. Sie sind in weiten Teilen für die Agenda-Politik und stehen damit den beiden anderen Flügeln entgegen. Im Juso-Bundesvorstand sind seither jedoch mit großer Mehrheit Mitglieder der beiden großen Strömungen Tradis und NwlZ vertreten, so dass die inhaltlichen Positionen der Pragmatischen Linken auf Bundesebene kaum eine Rolle spielen.

Im November 2007 wurde Franziska Drohsel mit der größten Mehrheit seit 1969 zur Juso-Vorsitzenden gewählt. Drohsel bemühte sich, das linke und eigenständige Profil der Jusos mehr zu schärfen und veröffentlichte dazu 63 Thesen zur jungsozialistischen Politik, die auf dem Bundeskongress 2008 der Jusos bestätigt wurden. Drohsel wurde 2009 ohne Gegenkandidat mit 69 % wiedergewählt.

Seit 2010

Auf dem Bundeskongress in Essen vom 18. bis 20. Juni 2010 wurde Sascha Vogt mit 68,1 Prozent der Stimmen zum neuen Bundesvorsitzenden gewählt, Bundesgeschäftsführer wurde Jan Böning. Die Jusos bekräftigten ihre Rolle als inhaltliche Triebfeder innerhalb der SPD und wollen gleichzeitig den Weg der Doppelstrategie fortsetzen. Hierzu gehört die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Bündnispartnern wie den Jugendorganisationen der Gewerkschaften, dem BündnisGelöbnix und Initiativen zur Verhinderung von Naziaufmärschen.

Am 25. November 2011 wurde Sascha Vogt als Bundesvorsitzender auf dem Bundeskongress in Lübeck bestätigt. Er erhielt 72,9 Prozent der Stimmen, und gewann damit gegen Frederic Striegler (Pragmatische Linke), der 21,7 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen konnte. Als Bundesgeschäftsführer wurde Jan Böning bestätigt.

Im Vorfeld des Bundeskongress 2013 in Nürnberg erklärten Sascha Vogt und Jan Böning, dass sie nicht erneut antreten werden. Für den Posten des Vorsitzes gab es zwei Kandidaturen. Die bisherige Stellvertreterin Johanna Uekermann aus Bayern (Tradis) und Hauke Wagner, ehemaliger Jusolandesvorsitzender aus Hamburg (Pragmatische Linke) bewarben sich. Für die vakante Position der Geschäftsführung bewarb sich die Berlinerin Julia Maas.

Bei den Vorsitzwahlen durchgesetzt hat sich Johanna Uekermann mit einer Mehrheit von 69,69 Prozent. Ferner beschlossen die Jusos auf dem Bundeskongress einen Initiativantrag mehrerer Landesverbände, der die Jusos gegen das Eintreten in eine Große Koalition mit CDU und CSU positioniert.